Was uns stark macht, wenn es schwierig wird

Warum Resilienz auch eine Frage unserer Kommunikation ist
Es gibt Tage, da reicht eine Kleinigkeit.
Eine kritische Mail am Morgen. Ein Satz eines Kollegen, der uns auf dem falschen Fuß erwischt. Eine Entscheidung, die wir nicht nachvollziehen können. Ein Kunde, der ungehalten reagiert. Oder einfach das Gefühl:
Es ist gerade alles ein bisschen viel.
Und plötzlich reagieren wir anders, als wir eigentlich möchten.
Wir werden dünnhäutig. Ziehen uns zurück. Werden schärfer im Ton. Grübeln über einen Satz noch Stunden später nach oder nehmen etwas persönlich, das vielleicht gar nicht so gemeint war.
In den vergangenen Wochen habe ich mich wieder intensiv mit zwei Themen beschäftigt, die auf den ersten Blick unterschiedlich erscheinen: Resilienz und Kommunikation.
Je tiefer ich eingestiegen bin, desto deutlicher wurde mir:
Beides gehört zusammen.
Resilienz bedeutet nicht, immer stark zu sein

Wenn wir über Resilienz sprechen, entsteht schnell das Bild eines Menschen, an dem Belastungen einfach abprallen.
Immer positiv. Immer souverän. Immer lösungsorientiert.
Aber darum geht es nicht.
Resiliente Menschen erleben genauso Enttäuschungen, Konflikte, Unsicherheit und Stress. Sie dürfen zweifeln, wütend oder erschöpft sein.
Der Unterschied liegt vielmehr darin, wie wir mit diesen Situationen umgehen – und wie wir wieder herausfinden.
Kann ich wahrnehmen, was gerade mit mir passiert?
Kann ich unterscheiden zwischen dem, was ich verändern kann, und dem, was außerhalb meines Einflusses liegt?
Kann ich Unterstützung annehmen?
Und kann ich trotz einer schwierigen Situation wieder ins Handeln kommen?
Resilienz heißt für mich deshalb nicht:
Mich haut nichts um.
Sondern:
Ich weiß immer besser, was mir hilft, wieder aufzustehen.
Und genau hier beginnt Kommunikaton
Denn bevor wir mit anderen sprechen, führen wir längst ein Gespräch.
Mit uns selbst.
„Das schaffe ich nie.“
„Warum passiert das immer mir?“
„Typisch, wieder hört mir niemand zu.“
„Ich muss da jetzt einfach durch.“
Vielleicht kennst du solche Sätze. Unsere innere Sprache beeinflusst, wie wir eine Situation bewerten. Und diese Bewertung beeinflusst wiederum, wie wir handeln.

Aus einem Problem kann gedanklich eine Katastrophe werden.
Aus einem kritischen Satz ein persönlicher Angriff.
Aus einer Veränderung eine Bedrohung.
Oder eben auch eine Situation, bei der wir uns fragen können:
Was brauche ich gerade? Was kann ich beeinflussen? Und was wäre jetzt ein guter nächster Schritt?
Die Situation ist möglicherweise dieselbe.
Unsere HALTUNG dazu ist es nicht.
Zwischen Reiz und Reaktion liegt manchmal nur ein kurzer Moment

Gerade wenn wir unter Druck stehen, reagieren wir häufig automatisch.
Jemand kritisiert uns – wir rechtfertigen uns.
Jemand wird laut – wir werden ebenfalls laut oder ziehen uns zurück.
Eine Entscheidung läuft anders als geplant – und schon dreht sich das Gedankenkarussell.
Spannend finde ich an dieser Stelle auch den Blick der PSI-Theorie nach Prof. Dr. Julius Kuhl (Persönlichkeitssysteminteraktion), mit der ich seit einigen Jahren arbeite. Sie unterscheidet vereinfacht zwischen unserer Erstreaktion – also dem, was in einer Situation zunächst automatisch in uns passiert – und unserer Zweitreaktion: der Fähigkeit, uns selbst zu regulieren und bewusst anders mit der Situation umzugehen. Genau diese Selbststeuerungskompetenzen sind entwickelbar.
Für mich ist das eine wichtige Botschaft:
Unsere erste Reaktion können wir nicht immer verhindern. Aber wir können lernen, was wir danach daraus machen.
Ich erlebe das im Coaching und in Workshops immer wieder:
Es braucht nicht sofort die perfekte Lösung.
Manchmal braucht es zunächst nur diesen einen Moment zwischen dem, was passiert, und unserer Reaktion darauf.
Einen Moment, in dem wir uns fragen:
Was passiert hier gerade wirklich – und was davon macht mein Kopf daraus?
Das klingt einfach.
Ist es aber nicht immer.
Und genau deshalb können wir es trainieren.
Gute Kommunikation beginnt nicht beim Reden, sondern beim Verstehen
Wir wollen oft sehr schnell Lösungen.
Im Berufsalltag sowieso.
Problem erkannt. Besprochen. Erledigt.
Doch Menschen funktionieren nicht wie eine Excel-Tabelle.

Hinter Ärger kann Unsicherheit stecken. Hinter Widerstand vielleicht die Sorge, nicht mehr gebraucht zu werden. Hinter einem schroffen Ton Überforderung. Und hinter Schweigen möglicherweise etwas, das längst hätte ausgesprochen werden müssen.
Das bedeutet nicht, jedes Verhalten gutzuheißen.
Es bedeutet, genauer hinzusehen.
Was beobachte ich tatsächlich?
Was interpretiere ich?
Was fühle ich?
Was brauche ich – und wie kann ich das klar kommunizieren?
Wer sich diese Fragen stellen kann, verändert Gespräche.
Im Team.
In der Führung.
In Beziehungen.
Und nicht zuletzt im Gespräch mit sich selbst.
Was uns trägt – und was uns schwächt
Resilienz entsteht nicht aus einem einzigen Faktor.
Es sind verschiedene innere und äußere Ressourcen, die uns dabei unterstützen, mit Belastungen umzugehen.
In meinen Workshops arbeite ich unter anderem mit den sieben Säulen der Resilienz. Dazu gehören beispielsweise Akzeptanz, Optimismus, Lösungsorientierung, Selbstverantwortung, tragfähige Beziehungen, Zukunftsorientierung und die Fähigkeit, die Opferrolle zu verlassen.
Für mich steckt dahinter vor allem eine wichtige Erkenntnis:
Wir müssen nicht in allen Bereichen gleich stark sein.
Vielleicht kannst du Veränderungen gut annehmen, hast aber Schwierigkeiten damit, Unterstützung einzufordern.
Vielleicht bist du ausgesprochen lösungsorientiert, merkst aber erst spät, wenn deine eigenen Grenzen erreicht sind.

Oder du hast Menschen um dich, die dir Halt geben – zweifelst aber in schwierigen Situationen schnell an dir selbst.
Genau deshalb lohnt sich auch der Blick auf unsere persönlichen Schutz- und Risikofaktoren.
Was stärkt mich?
Was gibt mir Sicherheit?
Welche Menschen tun mir gut?
Wo erlebe ich Selbstwirksamkeit – also das Gefühl: Ich kann etwas bewirken?
Und auf der anderen Seite:
Was raubt mir dauerhaft Energie?
Wo fehlen Klarheit, Unterstützung oder Einflussmöglichkeiten?
Welche Situationen bringen mich immer wieder aus meiner Balance?
Diese Fragen sind nicht nur für Menschen interessant, die sich gerade in einer schwierigen persönlichen oder beruflichen Situation befinden.
Sie sind genauso relevant für Führungskräfte und Teams.
Denn Resilienz ist keine reine Privatsache
Gerade im Arbeitsleben spielt das Umfeld eine entscheidende Rolle.
Eine wertschätzende Führungskraft, ein Team, in dem offen gesprochen werden darf, klare Verantwortlichkeiten und das Gefühl, nicht allein gelassen zu werden, können wichtige Schutzfaktoren sein.
Umgekehrt können dauerhafte Überforderung, ungelöste Konflikte, fehlende Wertschätzung, mangelnde Klarheit oder das Gefühl, keinerlei Einfluss zu haben, Belastungen verstärken.
Und damit sind wir wieder bei der Kommunikation.
Denn häufig entscheidet sich genau dort, ob Belastung kleiner oder größer wird.
Darf ich sagen, dass es zu viel ist?
Kann ich um Unterstützung bitten?
Höre ich wirklich zu, wenn jemand aus meinem Team ein Problem anspricht?
Und schaffe ich als Führungskraft einen Rahmen, in dem solche Gespräche überhaupt möglich sind?
Resilienz beginnt beim Einzelnen.
Aber sie wächst auch im Miteinander.
Resilienz bedeutet nicht: Du musst einfach noch mehr aushalten
Dieser Punkt ist mir besonders wichtig.
Resilienz darf nicht zur Aufforderung werden:
„Du musst einfach widerstandsfähiger werden.“
Wenn Strukturen dauerhaft belasten, Konflikte nicht geklärt werden, Menschen ständig über ihre Grenzen gehen oder Führung keine Orientierung gibt, reicht es nicht, dem Einzelnen ein paar Resilienztechniken an die Hand zu geben.
Dann müssen wir auch über Arbeitsbedingungen, Führung und Zusammenarbeit sprechen.
Die Verantwortung für ein gesundes Arbeitsumfeld kann nicht allein beim einzelnen Menschen liegen.
Genauso wenig können Unternehmen jede Belastung verhindern.
Es braucht beides:
Menschen, die ihre eigenen Ressourcen kennen und stärken.Und ein Umfeld, das sie dabei unterstützt, gesund und wirksam arbeiten zu können.

Resilienz wächst nicht erst in der Krise
Wir sollten uns deshalb nicht erst um unsere Widerstandskraft kümmern, wenn wir bereits am Limit sind.
Resilienz entsteht im Alltag.
Wenn wir Grenzen wahrnehmen und aussprechen.
Wenn wir Verantwortung übernehmen, ohne alles kontrollieren zu wollen.
Wenn wir Menschen haben, mit denen wir offen sprechen können.
Wenn wir nicht nur fragen:
„Was kostet mich gerade Kraft?“sondern auch:
„Was gibt mir Kraft?“Und wenn wir lernen, schwierige Situationen nicht ausschließlich als etwas zu betrachten, das gegen uns passiert.
Manches können wir nicht ändern.
Aber wir können beeinflussen, wie wir damit umgehen.
Eine kleine Übung für dich
Nimm dir heute einmal eine Situation vor, die dich gerade beschäftigt.
Vielleicht einen Konflikt.
Eine berufliche Veränderung.
Eine Entscheidung.
Oder einen Menschen, über den du dich ärgerst.
Und beantworte für dich vier Fragen:
Was ist tatsächlich passiert – ohne meine Interpretation?
Was löst die Situation in mir aus?
Was davon kann ich beeinflussen?
Was wäre ein kleiner nächster Schritt, der mir wieder Handlungsspielraum gibt?

Du musst damit nicht sofort das ganze Problem lösen.
Es reicht, wenn du deinen Blickwinkel veränderst.
Denn manchmal beginnt Resilienz genau dort:
Nicht bei der Frage, wie wir noch mehr aushalten können. Sondern bei der Erkenntnis, dass wir unserem Denken, unserer Kommunikation und unserem Handeln nicht hilflos ausgeliefert sind.
Arbeitsglück braucht beides: innere Stärke und Verbindung
Wir verbringen einen großen Teil unseres Lebens mit Arbeit.
Dabei werden wir Konflikte, Veränderungen, schwierige Situationen und Phasen hoher Belastung niemals vollständig vermeiden können.
Das sollte auch gar nicht das Ziel sein.
Viel wichtiger ist, dass wir lernen, gut mit uns selbst und miteinander umzugehen – gerade dann, wenn es schwierig wird.
Für mich gehört genau das zu Arbeitsglück.
Nicht die Vorstellung, dass jeden Tag alles leicht sein muss.
Sondern das Vertrauen:
Ich kann mitgestalten.
Ich kann kommunizieren.
Ich kann mir Unterstützung holen.
Und auch wenn mich etwas aus der Balance bringt, kann ich meinen Weg zurückfinden.
Vielleicht ist das sogar eine der stärksten Formen von Resilienz.
Christel Zeyßig



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